Predigt 24. April 1983 Wartau-Gretschins

Als Einstieg in diese Predigtreihe von den Früchten und Werken habe ich unser Sendungswort gewählt: "Wirket, solange es Tag, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann." Mit dem Leitwort "Wirket, solange es Tag" durfte ich von Kind an vertraut sein, habe ich es doch so oft aus meines Vaters Munde gesprochen gehört - es war das Motto seines Lebens. Es sind dies auch ganz kräftige Worte, eindrückliche, die sich wohl zum Leitfaden eines Lebens von Anfang bis zum Ende wählen lassen! Unser erster Kunstaussteller Hans Eggenberger hat sich denn auch von diesen Worten aus dem Johannesbrief fesseln lassen und ein Bild dazu gemalt. Bevor wir dieses Bild dankbar betrachten wollen, hören wir den Wortlaut aus dem 9. Kapitel des Johannesevangeliums, wie Jesus sagte: "Wir müssen die Werke dessen, der mich gesandt hat, wirken, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann."

Diese Worte hat der Bildermacher in sich hineinfliessen lassen, und es ist dieses Bild dabei herausgekommen. Wir schauen es nun an.

Auf den ersten Blick hat es mich froh gemacht zu sehen, dass zwischen Tag und Nacht ein gar nicht   allzugreller Unterschied besteht. Hier wird nicht schwarz-weiss gemalt. Auch wenn das Leben immer aus Gegensätzen besteht, es gibt auch einen Übergang, und Tag und Nacht scheinen im Leben des Glaubenden irgendwie zusammenzugehören. Nicht wahr, das Leben besteht ja aus Gegensätzen wie oben und unten, männlich und weiblich, heiss und kalt. Durch einen Blitz sind denn Tag und Nacht auch in unserem Bild ganz klar gegeneinander abgetrennt, aber sie heben sich durch die Wahl der Farbtöne nicht zu fest von einander ab. Zwischen diesem Tag und dieser Nacht gibt es eine Verbindung, einen Zusammenhang, der vielleicht darauf hinweist, dass wir im Leben und im Sterben dem Herrn gehören. Da fallen wir nicht in eine Kluft, in ein ungesundes Wechselbad hinein, in dem wir verloren wären.

Dieser Eindruck wird durch die in beiden Bildhälften vorhandenen Lebenslinien untermalt.  Am Tag sind die Lebenslinien in grüner Farbe, in der Farbe der Hoffnung angebracht. Hier ist das Leben, die Aktivität. Hier grünt und blüht es. Da ist Chance, Bewegung. - Diese Lebenslinien wachsen jedoch auch in die Nacht hinein und nehmen rote Farbe an - sind es Zeichen der Liebe, Liebe, die bleibt?

Rot ist ja auch der Hintergrund des Tages dargestellt, in schwerem, dunklem blutrot.  Da kommt es drauf an.  Da ist die Chance, die ergriffen oder vertan werden kann. Da ist das Leben, das gelingen oder scheitern kann.  Dabei hat der Bildermacher im Tag zwei rote Kreise gezeichnet. Es dreht sich hier um das Du und Ich, um die Gemeinschaft, um das, was ich Dir bedeuten darf. Um das geht es, was ich Dir geben kann oder schuldig bleiben muss. Es geht nicht um Ego-zentrismus, es dreht sich nicht alles um Dich, sondern Du bist, was Du andern bedeuten darfst.

Dann zeigt das Bild blaue Balken, grosse und kleine senkrechte und waagrechte. Diese Balken gehen da und dort in rechte Kreuze über. Sie sind alle blau, die Farbe der Treue, der Liebe Gottes zu uns Menschen. Die Farbe der Treue, der Liebe von uns Menschen zu Gott. Die senkrechten Balken zeigen von Gott zu uns und von uns zu Gott zurück, die waagrechten weisen vom Mitmenschen auf uns und von uns zum Mitmenschen. Ich sehe in diesen Balken, die letztlich das Kreuz ausmachen, die Werke. Zuerst wirkt Gott an uns, nachher erwidern wir dieses Wirken durch unsere Werke.  Unser Wirken gleicht dem Wirken Gottes.  Es besteht aus Liebe zu ihm und zu den Mitmenschen. Das ist die ganze Bibel. Zaghafte Anfänge sind auf dem Bild zu erkennen, aber auch kräftige Kreuze, grössere Liebeserfolge. Nicht alles gelingt uns, aber doch einiges, und wäre es auch nur etwas, aus der rechten Liebe bleibt es bestehen.

Denn in der Nachthälfte fehlen diese Kreuze, die uns das Leben oft schwer machen, ihm aber auch ihr Gewicht verleihen. In der Nacht gibt es kein Wirken mehr. Die Arbeit des Menschen im Alten Orient war an das Tageslicht gebunden. In der Nacht konnte er nichts mehr unternehmen. Im Tod ist auch unser Wirken zu Ende. Da gibt es keine Kreuze mehr, da sind kleine gelbe Monde eingezeichnet, Sterne, runde, in der dunkelblauen Nacht, die nur noch ein grosses Zentrum kennt. Da ist die Vollendung und das ewige Leben.

Ist es nicht interessant, wie der Künstler die Kreuze, das Zeichen des Todes, das Zeichen Christi aber auch, im Leben sieht, die Vollendung aber im Tod? Durch unsern Herrn Jesus Christus ist es wesentlich, im Leben zu sterben, das Kreuz auf sich zu nehmen, für die Andern da zu sein. Hier stirbt sich der erste Mensch. Im Leben geben wir uns auf und wirken Werke für Gott und den Nächsten. In eigenartig geheimnisvoller Weise verläuft das Christenleben umgekehrt: wir sterben zuerst unseren eigenen Willen, wir lassen zuerst los, geben - um recht zu leben, das Leben in vollen Zügen mit andern zusammen zu geniessen, zu empfangen, vollendet zu werden. Das ist die Umwertung der Werte, das verrückte Leben für Gott und den Andern, wie es uns Christus lehrt.

Jugendlichen hat man die Frage gestellt, was sie tun würden, wenn sie noch einen Tag zu leben hätten. Was, wenn ich noch einen Tag zu leben hätte?

Ein 18-jähriges Mädchen hat geschrieben: "Eigentlich steht man immer vor dieser Situation.  Man macht es sich nur nicht bewusst. Man weis ja nie, was in der nächsten Minute passiert. Man sollte jeden Tag viel bewusster leben, viel intensiver und viel mehr Jesus anvertrauen." Dieses Mädchen hat die Frage verstanden.  Denken wir auch so. Oder könnte es in uns so aussehen, wie es ein 15jähriger Junge gepflegt formulierte: "Ich würde eine Pistole nehmen, die 5. Symphonie von Beethoven hören und mich im ersten Satz erschiessen."

Trostlosigkeit oder Sinn, das ist hier die Frage. Leben oder Tod, das ist ein Unterschied. Es ist ein Unterschied, zuerst zu sterben, sich aufzugeben, und nachher zu leben und sich einzusetzen. "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir."  So kann man wirken solange es Tag, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Jakob Vetsch

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